Schatten des Lebens

On 11. Mai 2015, in 09 - Drive Poken Words by Hermondir

Was man auch immer über Tomy Curtis behauptete, ein ordentlicher Mann war er nicht. Tomy war mehr ein Junge, trotz seiner 27 Jahren. Er wohnte mit seinem Kumpel Dug in einer WG im Jahre 2015. Die beiden lebten recht unordentlich. Beide arbeiteten als Hecker und Sucher nach versteckten Viren und gefährlichen Softwares für den Staat. Ihre Welt war mehr virtuell in den Zahlen verborgen, als in der realen Welt. Nicht nur, dass Tomy noch nie eine Freundin oder dergleichen – was man nur annähernd so nennen könnte –  gehabt hatte, er ging auch nie in den Ausgang oder unternahm sonst irgendwas Spannendes.  Die WG bestand aus einem total unordentlichen Wohnzimmer und zwei engen Schlafzimmer, in die gerade eine kaputte Matratze längs hinein passte. Im Wohnzimmer war alles voller Kabel, Computer, einem Flachbildschirm, drei Konsolen und riesige Boxen waren an den Seiten des Fernsehers angebracht worden. Das Sofa, das vor dem Fernseher stand, war übervoll mit Wäsche und die winzige Küche, die gleich dem Wohnzimmer folgte, war voll beladen mit schmutzigem Geschirr, Müll und haufenweise leere Pizzaschachteln. Es war nicht so, dass Tomy ein Messie oder so war, nein, er und sein Kollege hatten bloss keine Zeit um das Haus zu räumen, da ihre Köpfe in den Welten des Computers herumzischten, sodass die Beiden die Unordnung kaum wahrnahmen. Der Computer musste geräumt sein, das war alles. Tomy war eigentlich gut gebaut und sah auch nicht schlecht aus, wenn er sich nur anständig anziehen und sich etwas mehr Mühe beim Pflegen seiner dunklen Haare gäbe.
Eines abends kam Tomy nach Hause, total erschöpft mit üblich verrauchter Birne, wegen der anstrengenden Arbeit im Büro. Sein Kumpel Dug war an diesem Abend länger als gewöhnlich weg. Also schob sich Tomy, wie meistens in jenen Tagen, eine Fertigpizza in die Mikrowelle und verdrückte sie auf dem unordentlichen Sofa vor dem Riesenbildschirm, den die beiden zusammengeschraubt hatten. Nach einer spannenden Folge der Serie über Geheimcodes im Internet nickte Tomy ein.

Alles wurde schwarz. Farbflecken flackerten vor seinem geistigen Auge auf. Laute Stimmen, die er nicht erkannte, Namen und Zahlen erschienen. Jedoch waren es keine echten Träume. Dort würde man eine Abfolge oder eine Szene erleben. Hier flackerten bloss riesige Farben auf und wieder weg. Auf einmal wurde die Farbenpracht grösser, ein lauter Knall ertönte, ein Quietschen und ein Platschen. Dann wurde alles Hell. Er erwachte.

Er lag im Krankenhaus. Sein Kopf war hart verbunden und er lag an vielen kleinen Schläuchen und Pumpen, die mit seinem Körper und einem Computer verbunden waren. Er blickte verwundert im weissen Raum umher. Als er an sein Handgelenk blicken wollte, um auf die Uhr zu schauen, stutzte er. Seine weisse billige Uhr war weg. Er schaute auf den Tisch neben ihm, auf dem Blumen standen. Dort lag eine Uhr. Aber die war schwarz, reich verziert mit dem Logo von Rolex.
„Das kann unmöglich meine Uhr sein“, dachte er sich.
Sie zeigte zwanzig vor drei nachmittags. Die Sonne schien hell durch die weissen Vorhänge ins Krankenzimmer. Nach kurzen elf Minuten in denen er die Blumen auf dem Tisch betrachtete, wuselte eine Krankenschwester mit blonden Haaren ins Zimmer und sagte schnell: „Oh Mr Curtis, sie sind erwacht. Na das wurde aber auch Zeit.“
Schnell fragte Tomy: „Wie lang war ich weg?“
„Etwa zwei Tage. Aber nun ist alles wieder in Butter. Ihr Körper hat sich stetig verbessert und regeneriert. Hier ist noch ein Brief eines Freundes. Es steht strengstens vertraulich drauf, also öffnete ich ihn nicht.“
Tomy schaute verwundert auf das weisse teure Papier, welches ihm die Krankenschwester hingelegt hatte. Er öffnete den Umschlag und darin war ein beinah leeres A4-Blatt enthalten. Es standen in der Mitte bloss einige Worte:
Danke. Du hast Alpha-XY03 geknackt! Wir haben gesiegt.
Der Wolf
Das war alles. Tomy wusste weder wer der Wolf war, noch wovon in dem Brief die Rede war. Verwirrt legte er den Brief zur Seite. Die Krankenschwester öffnete die weissen Vorhänge und die Sonne schien grell ins Zimmer.
„Soll ich ihrer Frau berichten, dass sie aufgewacht sind?“, sagte die Krankenschwester, zu den Vorhängen gewandt.
Tomy schaute die Krankenschwester mit fragendem Blick an.
„Meine Frau? Welche Frau? Was soll das heissen, meine Frau?“
„Na ihre Frau. Die Frau, die jeden Abend hier vorbei kam und an ihrem Bett sass. Das war doch ihre Frau. Sie behauptete dies zumindest.“
Tomy runzelte die Stirn. Er zog seine Hand unter der Decke hervor und sah ihn. Erschrocken blickte er auf den feinen kahlen goldenen Ring an seinem Finger.
„Was ist hier los, was wird hier gespielt?“ fragte er, zuerst verwundert, beinah lachend.
Dann blickte ihn die Krankenschwester mit weit offenen Augen an und flüchtete schnell aus dem Krankenzimmer. Ein Doktor betrat kurze Zeit später das Zimmer. Er überprüfte mit einer kleinen Lampe Tomys Netzhaut und fragte er ihn dann, in der Art wie ein Doktor zu seinen Patienten eben so redet: „Wissen sie wie ihr Name lautet?“
„Tomy Curtis, also eigentlich Tom John Curtis“, sagte Tomy schnell und sehr verwirrt.
„Ja, das stimmt.“
„Natürlich stimmt das, ich werd ja wohl noch wissen, wie ich heisse. Was ist hier los?“, fragte Tomy abermals, nicht begreifend, was sich da Dug für einen Scherz erlaubt hatte.
„Sie können sich nicht erinnern, geheiratet zu haben?“, fragte der Doktor und blickte zur Krankenschwester, da sie ihm die Nachricht eben übermittelt hatte.
„Nein. Ich hab nicht mal ne Freundin, wen sollte ich denn bitte heiraten?“ fragte Tomy laut werdend.
„Vielleicht Alicia Curtis? Ich weiss leider nicht, wie ihre Frau ledig hiess. Aber an den Namen Alicia können sie sich nicht erinnern?“
„Alicia? Nie gehört“, sprach er noch immer sicher, es sei ein mieser Scherz.
„Könnte ich mal kurz telefonieren?“, fügte Tomy hinzu.
„Wen wollen sie anrufen?“ fragte der Arzt.
„Dug. Das ist ein Kumpel von mir.“
„Hat ihn mal ein Mann namens Dug besucht?“, fragte der Arzt, die neben ihm stehende blonde Krankenschwester.
„Nicht, dass ich wüsste“, antwortete sie.
Der Arzt erhob sich und berichtete ernst: „Ich glaube, sie leiden unter sehr starker Amnesie. Wir müssen sofort ihre Frau kontaktieren.“
Nun ersetzte Panik die Gefühle Tomys, die er bisher verspürt hatte.
„Was haben wir heute für ein Datum?“ fragte Tomy schnell und erregt.
„Heute ist der siebzehnte!“ sagte der Arzt, nachdem die Schwester das Zimmer verlassen hatte.
„Das ist unmöglich. Gestern war der dritte. Welchen Monat haben wir genau?“
„Gestern war der sechzehnte, Mister Curtis. Der sechzehnte Mai.“
„Nee, gestern Abend sass ich auf dem Sofa und wartete auf Dug. Es war dritte März 2015 und ich nickte ein. Jetzt, heute Morgen, wache ich hier wieder auf!“
Tomy wurde wütend.
„2015? Wir haben der siebzehnte Mai 2018. Sie hatten vor drei Tagen einen schweren Unfall mit ihrem Auto.“
„2018?? Und ich habe ein Auto? Was soll der Schwachsinn? Eine solche Amnesie gibt’s doch gar nicht. Ich erinnere mich an gestern, als wäre es – naja eben gestern gewesen. Ich kann mich noch an alles bestens erinnern. Und heute ist heute!“, schrie Tomy nun voller wütender Panik in sich.
„Beruhigen sie sich. Können sie sich erinnern, was sie gestern gegessen haben?“, sagte der Arzt nun laut.
„Ja. Das war eine Fertigpizza.“
„Was für eine?“
„Ich – weiss nicht mehr“, sagte er stutzend und fasste sich an den schmerzenden Hinterkopf.
„Sehen sie? Das mag vielleicht schon beinah drei Jahre her sein. Sie müssen sich nun einfach beruhigen.“
„Beruhigen? Sie berichten mir, dass ich die letzten drei Jahre vergessen habe, obwohl ich gestern noch bei mir zu Hause eine Pizza gegessen habe, und ich soll mich beruhigen?“ rief er wütend. Der Arzt schwieg. Tomy blickte hastig im Zimmer umher, um irgendwelche Fehler zu enddecken. Doch er fand keine. Es hätte alles wahr sein können, was der Arzt ihm erzählte.
„Und ein Auto hab ich auch?“ fragte Tomy, als er sich etwas beruhigt hatte, und nun einen klaren Kopf behalten wollte. Dies hatte er früher gelernt und war zum Profi geworden. Immer mit klarem Kopf an die Sache heranzugehen, so machte er keine Fehler.
„Ja, haben sie. Und was für einen. Einen Aston Martin V12 Vantage.“
Tomy erstarrte. Als ob er ein riesigen Kohl im Halse stecken hätte.
Die nächsten vierzig Minuten vergingen sehr langsam. In Tomys Magen, der sich bereits etwa zwölf mal umgedreht zu haben schien, fühlte er ein glühendes Stück Eisen. Er fühlte wie sich die Hitze in seinem Körper ausbreitete und wie sie an seiner Haut eiskalt wurde und als Schweiss ausschied.

Als Tomys angebliche Frau eine halbe Stunde später ins Krankenzimmer platzte – man hatte ihr gesagt, sie solle vorsichtig hineintreten, denn er wisse nicht, wer sie sei – kam sie schnell auf ihn zugerannt und küsste ihn kraftvoll auf den Mund. Er erwiderte ihren Kuss nicht, denn er hatte diese kleine pummelige rothaarige Frau noch nie in seinem Leben gesehen.
Er hätte niemals erwartet, eine solch witzige Frau, der man bestimmt blind vertrauen konnte, geheiratet zu haben.
„Guten Tag“, sagte er stutzend.
„Schätzchen, was ist denn los? Ich hab gehört, du hast irgendeine Amnesie oder so? Aber jetzt erkennst du mich wieder, oder?“
„Tut mir leid. Das Einzige, woran ich mich erinnere, ist an ihre Stimme. Die hab ich glaub schon mal gehört“, sagte Tomy, der in der Nacht genau ihre Stimme schrillend vernommen hatte.
„Du weisst nicht mehr, wo wir uns kennenlernten? Du weisst nicht mehr, wo wir geheiratet haben? Wo wir unsere Flitterwochen verbrachten?“, fragte sie. Seltsamerweise nicht besonders traurig, mehr total angeschlagen. Sehrwarscheinlich wusste sie noch nicht, was das für gewaltige Ausmasse hatte.
„Nein, keine Ahnung. Wie gesagt, ich weiss gerade mal, dass sie Amelia heissen.“
„Ich heisse nicht Amelia. Ich bin Alicia. Und hör bloss auf, mich zu Siezen“, sagte sie, nun traurig werdend.
„Oh, ja natürlich. Tut mir leid.“
„Du kannst ja nichts dafür.“
„Wo wohnen wir?“
„In einer kleinen Villa am Mountain Village!“
Dies sagte sie bloss so nebenbei. In ihren Augen füllten sich kleine Tränchen, und er riss die Augen weit auf. Er kannte die Gegend. Dort wohnten bloss reiche eingebildete protzige Leute, die niemals grüssten, wenn man an ihnen vorbei ging. Tomy konnte es nicht fassen. Fremde Leute, die ihm vormachten, er habe die letzten drei Jahre verpennt und sei nun ein Millionär geworden.
„Wie bitte? Und mein Auto, der Aston Martin, wo ist der?“, fragte Tomy, noch immer nicht wissend, ob er alldem glauben schenken sollte.
„Der ist Schrott. Du hast einen riesen Unfall gebaut. Aber das ist egal, hat ja bloss 180‘000 gekostet. Ich bin nur froh, dass dir nichts passiert ist.“
„Nichts passiert?! Wenn das, was sie mir, ich meine, was du mir erzählst war ist, dann ist gerade meine Welt zusammengebrochen. Oder auf den Kopf gestellt. Das letzte, woran ich mich erinnere, ist, dass ich auf dem Sofa einschlief, während ich auf Dug wartete!“ sagte Tomy erschüttert.
„Dug?“
„Ja, Dug!“
„Wir sagten doch, dass wir uns nicht mehr über dieses Schwein unterhalten sollten.“
„Was soll denn das wieder heissen?“, fragte er.
„Dug war dein bester Freund, das wissen wir, aber…“
„Was, er war mein bester Freund?“
„Ich weiss nicht, ob ich dir das unter diesen Umständen sagen soll.“
„Doch, bitte, wenn du meine Frau bist, musst du mir das unbedingt sagen, er ist mein bester Freund!“ Abermals wurde er lauter.
„Du hast ihn erschossen“, gab Alicia nach. Mindestens eine Minute blieb es still. Tomy begann halbherzig zu lachen. Doch als er sah, wie ernst die Frau vor ihm dreinblickte, wusste er, dass das kein Witz war. Er konnte sich keinen Schauspieler vorstellen, der das so gut hinbekommen würde.
„Was hab ich?“, Tomys Magen drehte sich zum 13. Mal um und er hätte sich am liebsten übergeben.
„Am besten, ich erzähle dir die ganze Geschichte“, sagte sie und begann. Während sie erzählte,  kamen allmählich auch gewisse Erinnerungen bruchstückweise zum Vorschein.
„Es begann alles vor drei Jahren, im Jahr 2015.“ Tomy übergab sich. Die Krankenschwester hatte ihm einen Becher bereitgestellt, bevor Alicia zu erzählen begann.
Es fühlte sich an, als ob alles in seinem Halse stecken blieb. Und nun sollte er seinen Kumpel erschossen haben? Und seine angebliche Frau, erzählte ihm seine Lebensgeschichte der letzten 3 Jahren. Er konnte es kaum fassen.
„Es war im Oktober. Du bekamst einen Auftrag vom Innenministerium für Geheimdatenterrorismus. Von da an veränderte sich dein Leben von Grund auf. Zunächst lerntest du mich kennen. Dann waren wir auf der Brücke von Paris, dort, wo du mich überraschenderweise geküsst hattest. Naja, auf jeden Fall hast du dann den geheimen Auftrag vom Innenministerium angenommen. Du bekamst einen Anzug, einen teuren Wagen und eine teure Wohnung. Die Wege von dir und Dug trennten sich. Er gelangte auf eine schiefe Bahn und war sehr sauer auf dich, da du den Job des Lebens bekommen hattest und ihm verständlicherweise den Rücken zugedreht hattest.“
„Wieso verständlicher Weise?“
„Er war schon neidisch auf dich, als du mich kennengelernt hattest. Und er hatte mich, naja, gegen meinen Willen geküsst. Er wollte mich dir ausspannen, was ihm natürlich nicht gelang. Von da an wolltest du nichts mehr mit ihm zu tun haben. Und wie neidisch er war, ich kann mich noch erinnern wie er sah, dass du dir teure Sachen kauftest und als Agent im virtuellen Ausseineinsatz arbeiten konntest. Naja, egal, eigentlich haben wir vor eineinhalb Jahren beschlossen, das Thema Dug zu begraben.
Zunächst ging dein Leben soweit gut, bis gewisse Leute dich virtuell angriffen. Du stelltest eine Bedrohung für eine gefährliche Mafia dar. Von da an wurdest du ganz seltsam. Wolltest nicht mehr mit mir reden, hattest bloss nur noch Geld im Kopf. Ich habe das deinem früheren Ich nie gesagt, aber…“, sie brach in Tränen aus, „ich war kurz davor, mich von dir scheiden zu lassen. Du warst nicht mehr der nette Nerd-Freak, dem man alles hätte anvertrauen können, der alles für einen getan hätte. Und daran waren bloss die teuren Sachen und die Arbeit schuld. Der Wagen, deine Uhr und alle Gegenstände, die ihren hohen Wert besassen. Dein Einkommen beträgt ganze 4.9 Millionen pro Jahr.“
Sofort erkannte Tomy die gerundeten 430‘000, die er jeden Monat verdienen musste. Am gestrigen Abend – für ihn gestrig – waren es bloss 2‘000 gewesen. Seine Augen wurden wässrig, ob der Geschichte mit Dug.
„Halt mal, eins nach dem anderen. Ich versteh nur Bahnhof. Dug wollte dich mir ausspannen und weiter?“
„Naja, danach hatte dich Dug als letzten gigantischen Racheakt an die Mafia verraten. Ich glaub nicht, ob er damals ihnen deinen echten Namen nannte, aber deinen virtuellen sicher.  Das Ministerium schickte dich los, Dug aufzuhalten. Du gingest einfach los und nach einer heftigen Schlägerei, brachtest du ihn um. Das Ministerium vertuschte den Mord, damit du wieder weiter arbeiten konntest.“
Kleine Erinnerungstücke erschienen vor dem geistigen Auge Tomys. Eine Wut schwallte einige kurze Augenblicke in ihm hoch. Kleine Erinnerungen an seine Liebe zu Alicia und wie sie Dug vernichten wollte. Dann sah er den Mord. Einen kurzen kalten Schuss in seiner unordentlichen Wohnung. Damals trug Tomy einen schwarzen teuren Anzug und er konnte sich noch an die Worte erinnern, die aus seinem Munde kamen: „Dug, du mieses Schwein, wolltest dass ich draufgehe, für ein paar lumpige Tausender!“ Danach war der leere Knall gekommen. Dies war in seinem Kopf innert einem Bruchteil einer Sekunde aufgeflackert.
Alicia berichtete weiter: „Vor einer Woche, wollte ich dich wieder einmal zu einem Dinner einladen, wie wir es früher getan hatten. Doch zum hundertsten Mal liessest du mich weinend sitzen und gingst an deinen Laptop. Ich habe keine Ahnung, was deine Arbeit genau war. Du hast es mir nie anvertraut. Ich weiss nicht mal, ob du einen triftigen Grund gehabt hattest, dies zu tun. Und dann gingest du vor drei Tagen los. Total gestresst fuhrst du in deinem schnellsten Wagen mit mir durch die Stadt. Vor einem kleinen Hotel hast du mich ausgeladen und gesagt du würdest wieder kommen. Drei Stunden später wurdest du ins Krankenhaus geliefert. Du hattest einen Autounfall. Zumindest ist der Aston Martin Schrott. Genaueres kann ich dir über deine Arbeit auch nicht erzählen, da du mir nichts anvertraut hattest“
Tomy hielt zuerst seinen schmerzenden Kopf fest. Die Erinnerungen schmerzten mehr als seine Wunde.
Danach küsste und umarmte Tomy seine Frau, wie er dies seit 15 Monaten nicht mehr getan hatte. Er konnte sich wieder an sie erinnern und wie er mit ihr zusammen gekommen war. Nur alles, was seinen Reichtum, seine Arbeit, die Mafia und gewisse Teile von Dug anging, da tappte er noch im dunkeln.

Dazu musste er noch vier weitere Tage im Krankenhaus verbringen. Aber er versprach seiner Frau nach Hause zu kommen und für sie da zu sein, wie er das früher vor dem Reichtum und dem Stress immer gewesen war.
Eines Abends  – er hatte das üble Krankenhausessen hinuntergewürgt –  da tauchte ein Mann mit graumeliertem Haar, der in einem teuren Anzug steckte, auf.
„Guten Abend Mr Curtis.“
„Guten Abend. Wie sie vielleicht schon festgestellt, oder von Freunden erfahren haben habe ich mein Gedächtnis verloren. Mit wem habe ich also das vergnügen?“ fragte Tomy. Der Mann wies die Krankenschwester auf, aus dem Zimmer zu gehen. Von da an nahm Tomy an es müsse einer des Innenministeriums sein.
Der Mann schloss wortlos hinter der Krankenschwester die Tür und kam langsam aufs Bett von Tomy zu. Zackig und ohne nur ein bisschen zu zögern zog er ein Messer und stach zu. Tomy wusste nicht woher er die Reaktionsfähigkeit hatte – in Sport war er nicht besonders gut gewesen – aber er wich dem Messer aus und dies Stach direkt ins weisse feine Kissen des Krankenbetts. Ein paar Schläuche rissen von Tomys Arm als er so schnell er konnte, sich vom Bett drehte und unter seinem Bett nach etwas griff. Er konnte sich nicht erklären wieso er dies wusste, vielleicht sagte ihm dies das Unterbewusstsein, aber dort klebte eine Pistole. Tomy zog die Waffe in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit und drückte ab. Ein dumpfer Knall, ertönte als die Kugel durch die schallgedämpfte Pistole hinausschoss. Ein matschiges Knacksen ertönte als die Kugel in den Schädel des Angreifers eindrang. Blut und Hirnmasse bespritzte das weisse Laken und das gräuliche Tischchen. Geschockt und etwas wackelnd stand Tomy im Zimmer. Die Tür wurde von aussen mit einem Spezialschlüssel geöffnet und drei Ärtzte stürmten hinein. Der eine fühle den Puls des Angreifers und der andere ging sofort auf Tomy zu.
„Was haben sie getan? Was ist passiert?“, Tomy warf die Waffe weg. Er konnte sich dies selbst nicht so richtig erklären, denn er wusste nicht mal wer die jetzige Leiche auf seinem Bett war. Die Leiche wurde wegtransportiert und die Hirnmasse mit dem Blut, den Knochensplittern und der Haut mit den Haaren, die noch auf dem Bett verteilt lagen, weggeputzt.
Tomy wurde in ein anderes Krankenzimmer verlegt und die Kriminalkommission sperrte das Gebiet um Tomys altem Bett ab, um herauszufinden, in wessen Auftrag der Tote gehandelt hatte. Tomy fand bloss seltsam, dass er wegen des Mordes nicht mal vor Gericht musste. Überhaupt, es war allen Anwesenden klar, dass es Notwehr gewesen war.
Ein weiterer Tag  später kam ein Mann der tatsächlich vom Ministerium war. Er trug ebenfalls einen Anzug. Doch seine Stimme kam Tomy sofort bekannt vor. So wusste er irgendwie, dass er ihm diesmal Vertrauen schenken sollte.
„Guten Tag Moon“, sagte er.
„Guten Tag. Wer sind sie? Und wer ist Moon?“ fragte Tomy.
„Moon? Das ist ihr Spitzname beim Geheimdienst. Ich bin der Wolf. Sie haben bestimmt meine Nachricht gekriegt. Es war ganz schön knapp, muss ich zugeben.“
„Ah ja klar. Aber worum ging es da genau? Und wenn ich fragen darf, was ist meine derzeitige Arbeit?“ fragte Tomy interessiert.
„Es ging in erster Linie um einen Geheimcode, den wir entschlüsseln mussten. So konnten wir eine wichtige Waffe der Mafia fern stumm schalten. Die Waffe lautete Alpha-XY03. Die Mafia wollte dich aus dem Weg räumen. Du Arbeitest als Geheimagent, im Sicherheitsserver des Staates. gleichzeitig wurdest du für den Ausseneinsatz im realen ausgebildet, was wie wir sehen nicht umsonst gewesen schien. Die Mafia hatte dir eine Bombe in dein Haus gesendet. Wir bemerkten sie, bevor sie hoch ging und dein Haus zerstörte. Deine Frau weiss davon noch nichts. Wir fanden es klug, wenn du ihr die ganze Sache erzählst sobald wir den Code geknackt haben. Von da an war uns klar, dass die Mafia wusste, dass du Moon bist. (Dein Kumpel Dug, hatte bloss den Namen Moon verraten) Damals warst du und deine Frau noch nicht in Gefahr gewesen. Aber nachdem sie dir eine Bombe ins Haus sendeten, fuhrst du so schnell du konntest zu uns. Auf dem Weg brachtest du Moonlight – das ist der Spitzname deiner Frau – ins Hotel. Danach haben sie dich, also deinen Aston Martin von der Seite gerammt. Dein Wagen stürzte in einen Fluss.“
Tom war ruhig geworden. Seine Erinnerungerschienen Bruchstückweise. Bei jeder Erzählung kamen wieder neue kleine Stückchen zu Tage. Aber etwas war klar. Gewisse Dinge gefielen Tomy gar nicht. Sein Ich als Tom John den man the Moon nannte, war ein toter Mann. Er wollte nicht mehr derjenige sein, zu dem er anscheinend in den letzten 3 Jahren geworden war. Er wollte sich ändern. Tom kündigte seinen Job, der sowieso beendet worden war, legte sich und seiner Frau einen neuen Namen zu und die beiden Lebten im Ausland in einem Haus. Auf dem Sparkonto besass Tom 13 Millionen und er Arbeitete bloss noch Teilzeit. Zwei Jahre später wurde Alicia schwanger. Erst als Toms Tochter zwölf wurde, wurde Tom John Curtis, damals unter dem Namen William Broker von einer Mafiagang zusammen mit seiner Tochter und seiner Frau erschossen, als er sie seine Tochter der Schule abholen wollte. Die Mafia wollte bloss auf nummer sicher gehen, dass Tom John Curtis auch wirklich tot war.
Auf dem Friedhof neben der grossen Kirche stand ein kleines Grab. Darauf stand William Broker 1978-2032, Amelia Broker 1980-2032 und Gilia Broker 2020-2032.

 

 

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Reise ohne Ankunft

On 27. Februar 2015, in 03 - Sunset Poken Words by Hermondir

„Was tust du da?“ fragte Lee.
„Nichts“, antwortete Colin ruhig, während er zum Sonnenuntergang auf dem Meereshorizont blickte.

Colin stand auf dem B-Deck des grössten Kreuzfahrtschiffes der Welt. Es fuhr dampfend über den gigantischen Atlantik von England nach New York. Colin sehnte sich nach seiner Frau und seinem kleinen Sohn. Er war erst drei und hatte blonde Locken. Lee’s Schuhe klackten auf dem hölzernen Bretterboden des B-Decks, als er sich zu Colin gesellte.
„Warum hast du nichts gegessen? Das Fleisch war wirklich genial“, sagte Lee.
Doch Colin musste dauernd an seine Frau denken. Seine Sehnsucht liess ihn nicht locker. Er musste für eine Woche nach New York an die Wall Street. Seine Arbeit als Börsenmakler fand er interessant, solange er in London bei seiner Familie bleiben konnte. Sein Kollege Lee war ebenfalls an der Börse tätig. Beide waren stinkreich geworden und fuhren nun in der ersten Klasse. „Glaubst du, dass wir unsere Aktien in New York wirklich besser verkaufen können?“ fragte Colin langsam noch immer zum Horizont starrend. Der rote Himmel küsste den liniengeraden Horizont des Meeres und spiegelte sich im Wasser wieder.
„Allerdings. Der Kurs steht sowieso nicht schlecht. Da können wir noch ein Haufen Mäuse verdienen.“
Lee grinste seinen besten Freund an. Sonst waren die beiden immer gut drauf und machten dauernd irgendwelche Sprüche. Deswegen fügte Lee hinzu: „Wenn es dich beruhigt, sende deiner Frau doch ein Fax. Der Faxraum steht jetzt sowieso noch leer, da die meissten Leute noch beim Essen sind, oder bereits am Sauf-Rauch-Labertisch sitzen.“
Den Sauf-Rauch-Labertisch nannten die beiden so, weil das die Tische waren an denen Banker und Aktionäre nach dem Essen hingingen um miteinander über ihre Geldangelegenheiten zu diskutieren. Oftmals sah man auch Colin und Lee an diesen Tischen. Nur wollten sie sich lieber selbst um ihre Aktien und Geldangelegenheiten kümmern und nicht von irgendwelchen fetten Dummköpfen in Smokings beeinflusst werden. „Wir wissen selbst wie man Leute über den Tisch zieht!“ sagte Colin einst.
„Wieso bin ich nicht früher drauf gekommen?“ fragte Colin, nun auch lächelnd.
Die beiden gingen schnell zum Faxraum und Colin setzte sich sofort nieder.
„Also schreiben wir mal. Welcher ist heute?“
„Der vierzehnte“, sagte Lee.
„Der vierzehnte April neunzehnhundertzwölf“, murmelte Colin schreibend.

Diesen Abend vergnügten sich die beiden, indem sie sich einen, zwei oder auch drei Scotch zu Gemühte führten. Um elf Uhr schliefen beide auf einem Sofa in der Launch. Sie wurden von einem lauten Rumps geweckt, welche ihren Tod ankündigte.

 

Parker

On 27. Februar 2015, in 01 - In Between Worlds Poken Words by Hermondir

Ein warmer Frühlingswind blies mir an jenem Morgen sanft um die Haare. Unter mir eine riesige Grossstadt. Ich stand auf dem Dach eines riesigen Hochhauses und schaute vom Dachrand hinab. Zweihundertmeter unter mir sah ich die kleinen käferartigen Autos die sich durch den Alltag der Stadt zwängten. Niemand sah mich. Niemand bemerkte mich. Ich war ein Niemand. Die tausend Lichter der Grossstadt zwinkerten mir zu als ob sie sagen wollten: „Los spring doch, wenn du genug Mumm hast!“

Meine Hände waren schweissnass als ich näher zum Abgrund stand. „Es wird nicht einfach werden hier hinunterzuspringen“, dachte ich. Glasklar und Blau stand die Endlosigkeit des Himmels über mir. Die Menschen unten auf der Strasse konnte ich kaum erkennen. Sie schienen kleine Punkte zu sein, die alle zusammen dafür sorgten, dass die Stadt nicht aus dem Ruder gerät. Zunächst schloss ich nochmal die Augen und ballte meine Fäuste. Im nächsten Moment holte ich tief Luft und sprang. Ein Mensch fällt schneller als man meinen könnte. Viel schneller. Doch bis man zweihundert Meter fällt dauert es dann doch eine Weile. Die Luft die mir entgegen blies schien mich aufhalten zu wollen, so stark war sie. Ihr fragt euch vielleicht, wie ich diese Worte zu Papier bringen konnte, da ich ja gesprungen war. Mit der rechten Hand drückte ich den Ring und den Mittelfinger auf meine Handfläche. Aus meinem Handgelenk schoss der starke Faden, den ich in den letzten Monaten kennengelernt hatte, und haftete sich an der glasigen Hauswand des Hochhauses fest. Ich schwang weit und schnell über all die eilenden Passanten, die dröhnenden Sirenen der Polizeiautos und die Strassenlaternen. Der Wind blies stark um meine Ohren und ich fühlte als ob meine Eingeweide in meinen Schuhen lagen. Als ich am ende des Schwungs war liess ich meinen Lebensrettenden Faden los, flog noch einige Meter gerade durch die Luft bis ich wieder zu fallen begann. Jede Achterbahn war nichts gegen dieses Erlebnis. Als ich wieder fiel schoss ich den nächsten Faden aus meinem Handgelenk und hielt mich daran fest. Die Knöchel wurden weiss so hart hielt ich mich fest um nicht abzurutschen. Jeder Schwung liess mich schneller werden und das Freudengefühl in mir drin wurde stärker und stärker. Diese unglaubliche Kraft die in mir schlummerte konnte ich endlich ausüben. Ich musste mich nicht verstecken und konnte tun und machen was ich wollte. An einer Fahnenstange hielt ich mich mit meinen klebrigen Finger fest und schaute mich um. Die Pracht der Stadt war unglaublich und ich wollte nicht, dass dieses Erlebnis je aufhörte. Es war als wäre ich nicht in New York. Als wäre ich in einer anderen Welt, die bisher nur Vögel entdecken konnten. In einer kleinen Seitengasse seilte ich mich hinab und stand wieder unten zwischen den Müllcontainern. Mit grossen Schritten ging ich zur U-Bahn-Station, denn mein Mittag war bald wieder zu ende und ich hatte wieder Schule. Ich wusste, dass mir die Schule sehr langweilig vorkommen würde wenn ich wieder hinter einer stinkenden Bank sitzen musste, um einer Vorlesung zuzuhören. Die Aufregung und die Freude, die sich in mir drin blähte waren dennoch so gross, dass mir nicht mal mehr der Gedanke an die Schule etwas ausmachte. Als mich die Passanten komisch anglotzten wurde mir klar, dass mein Haar total zerzaust sein musste. Ich richtete es vor einem Schaufenster und rannte danach in die Ubahn.

Ich verliess die Welt des Zaubers und war wieder in der Grossstadt in der mich niemand wahrnahm. Inder es mich nicht gab. Doch einer konnte mich gut sehen. Einer fühlte, dass es mich gab. Das war ich selbst.

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Poison – Lasst mich nicht alleine

On 10. Januar 2015, in 27 - Poison by pepper

Jeden Donnerstag musste sie über den Mittag mit ihrer Mutter zu Karl. Da sie frisch in die Primarschule gekommen war, dachte sie am Anfang, dass das einen Zusammenhang damit hatte. Aber schon bald fand sie heraus, dass dem nicht so war. Im Gegenteil, die anderen Mädchen aus der Klasse fragten stattdessen immer wieder nach, wieso sie dort hinmusste. Um ehrlich zu sein, wusste sie das auch nicht so genau und ihre Mutter konnte es auch nicht besser erklären als mit: „Er hilft dir, dass deine Albträume aufhören und dass du einmal eine gesunde, starke Frau wirst.“

Es stimmte, dass sie oft Albträume hatte, aber wie ihr ein Arzt da weiterhelfen konnte, verstand sie nicht. Vor allem, da er ihr keine Medizin gab, sondern sie nur über Dinge ausfragte wie: „Was hast du heute so gespielt?“ oder „Wenn du alleine bist, hast du dann Angst?“ Oder die seltsamste Frage überhaupt: „Kannst du die Stimmen jetzt gerade auch hören?“ Trotzdem war sie sich sicher, dass er ein Doktor war, denn er trug einen weissen Kittel und gab ihr am Ende immer eine Süssigkeit. Vielleicht, dachte sie, vielleicht war sie ja krank und ihre Mutter wollte ihr nicht sagen, was sie hatte. Oder vielleicht konnte dieser Doktor verhindern, dass sie jemals krank wurde. Als sie das den anderen Kindern in der Schule erzählten, wurde sie nur ausgelacht. Sowieso fiel ihr auf, dass niemand mehr mit ihr reden wollte, gerade so, als wäre sie wirklich krank und ganz doll ansteckend. Schon im Kindergarten hatte sie keine Freunde gehabt, obwohl sie das auch gar nicht brauchte, denn sie war niemals alleine. Aber für alle anderen schien es normal zu sein, dass man Freunde brauchte und als sie einmal im Kindergarten fragte, ob denn niemand Stimmen hören würde ausser ihr, lachten die anderen Kinder nur. Sie verstand das alles nicht, aber sie fragte nie wieder danach. Nur ihrer Mutter erzählte sie ab und zu wieder davon, aber da sie dann immer erschrocken und traurig angesehen wurde, liess sie es schliesslich sein.

 

Als sie dieses Mal zu Karl ging, wurde sie davon überzeugt, dass er doch ein richtiger Arzt war. Bevor sie sich auf den Heimweg machte, beugte er sich zu ihr hinunter und streckte ihr eine Dose hin mit kleinen rosa Kügelchen darin. Ernst meinte er dann, dass diese Medizin ihr helfen könne und dass sie vorerst jeden Tag beim Essen ein Kügelchen schlucken solle, um zu sehen, ob sie helfen.

Voller Vorfreude schluckte sie am Abend beim Essen eine und wartete gespannt auf irgendeine Wirkung. Erst passierte nichts und sie ging in ihr Zimmer, um mit den anderen zu spielen. Alleine sass sie am Boden und sang mit ihnen Lieder und sie alberten herum. Dann aber plötzlich wurden sie leiser. Nach und nach verstummte eine Stimme nach der anderen, Immer ängstlicher horchte sie in sich hinein, bis ganz schwach nur noch zwei übrig waren und leise nach ihr riefen. Dann brach sie in Tränen aus und begann zu schreien. Ihre Mutter kam sofort zu ihr und versuchte sie zu beruhigen, aber alles was sie aus ihr herausbrachte, war: „Sie sind weg!“

Am nächsten Morgen waren wieder mehr Stimmen da und sie war beruhigt. Doch dann gab ihr ihre Mutter wieder eine dieser Kügelchen und alles wiederholte sich. Beim dritten Mal weigerte sie sich, das Kügelchen zu schlucken. Als sie trotzdem dazu gezwungen wurde und von ihrer Mutter gesagt bekam, dass es ihr so besser gehen würde, schluckte sie sie und hörte stattdessen auf zu essen. Alles Betteln, Bedrohen, Flehen oder sogar Schlagen ihrer Mutter brachte nichts, sie presste die Lippen aufeinander und spuckte alles wieder aus, was ihr gewaltsam eingegeben wurde.

Nach drei Tagen musste sie wieder zu Karl und er sagte, dass sie keine dieser Kügelchen mehr schlucken musste. Doch sie sprach kein Wort mehr mit ihm, bis sie schliesslich nicht mehr zu ihm gehen musste. Auch mit ihrer Mutter sprach sie eine Weile kaum mehr.

Die Stimmen kamen fast alle wieder ganz zurück, aber ein paar wenige hörte sie nie wieder. Ihre Mutter und Karl hatten sie umgebracht.

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Never Cry – Zerrissene Seiten

On 11. November 2014, in 26 - Never Cry by pepper

Manchmal gibt es tatsächlich auch diese Momente, wo alles läuft. Wo die Worte aus mir hinaus durch den Stift in das Papier hineinfliessen, die Tinte meines alten Füllers nur so auf dem Papier des fast leeren Papierblocks aufgesogen wird. Wörter, Sätze, Handlung, alles ergibt einen Sinn.

Als ich das Kapitel, an dem ich gerade arbeitete, fertig geschrieben hatte, fiel mein Blick als erstes auf die Uhr und ich musste lächeln, als ich sah, dass ich gerade vier Stunden am Stück geschrieben hatte, ohne mich ein einziges Mal zu unterbrochen zu haben. Es war inzwischen dunkel, der Mond schien hart durch das Fenster vor dem Schreibtisch und liess die Kälte, die draussen herrschen musste, nur erahnen.

Seufzend richtete ich mich in meinem Bürostuhl auf, drückte meinen Rücken durch, so dass ein paar Wirbel leise knackten. Er war ziemlich verspannt, wie ich erst jetzt bemerkte. Auch dehnte ich meine Arme über dem Kopf, streckte sie ganz, um die angespannten Muskeln zu lockern. Meine Gedanken hingen immer noch in der Geschichte und ich muss zugeben, dass ich dieses Gefühl liebte. Die letzte geschriebene Szene spukte mir im Kopf herum und ich fand, dass sie mir sehr gut gelungen war, dramatisch, aber nicht zu übertrieben, aber trotzdem so, dass man fühlte, fühlen musste, was die Hauptperson gerade durchmachte. Und diese machte auch wirklich schlimme Sachen durch. Manchmal fragte ich mich, ob ich mich für das schämen sollte, was ich den Personen in meinen Geschichten jeweils antat.

Während ich an einem kommenden Detail in Gedanken herumfeilte, stand ich auf und ging langsam in die Küche. Automatisch nahm ich mir eine Flasche Milch heraus und nahm ein paar grosse Schlucke daraus. Dann drehte ich den Verschluss zu, stellte sie zurück, schloss den Kühlschrank und lehnte mich daneben mit der Hüfte gegen die Spüle. Es war schon spät, Schlaf hätte mir sicher gutgetan und meine Augen brannten schon vor Trockenheit. Aber mein Kopf war einfach noch nicht genug zurück, um einfach abschalten zu können. Nach kurzem Überlegen, beschloss ich, noch ein bisschen spazieren zu gehen.

 

Die Wohnungstür fiel hinter mir ins Schloss und die eisige Nachtluft drang in meine Lunge ein. Der dicke Wintermantel liess meinen restlichen Körper die Kälte nur erahnen, die sonst ungeschützt mein Gesicht und meine Hände traf. Schnell zog ich die Mütze etwas besser über meine langen Haare, die ich unter sie gestopft hatte, kuschelte mein Kinn etwas besser in den weichen Schal und steckte die Hände in die Manteltaschen. Ich wusste nicht genau, wohin ich gehen wollte, also entschied ich mich einfach für links und ging los mitten in die Nacht hinein. Der Himmel war trotz Lichtverschmutzung sternenklar, das orange Licht der Strassenlaternen liess ihn tiefschwarz und bodenlos wirken. Die Strasse glitzerte verräterisch im Scheinwerferlicht der wenigen vorbeifahrenden Autos

Immer noch drehten sich in meinem Kopf die Gedanken zu meiner Geschichte, ich wollte noch mehr Wahnsinn einbauen, wollte den Leser jede Emotion körperlich und seelisch spüren lassen, die meine Hauptfigur durchlebte und ich gab zu, im Moment hatte die negativen wie so oft die Oberhand. Aber genau das wollte ich ja auch vermitteln.

Meine Gedanken kamen plötzlich zum Stillstand und ich blieb kurz stehen. Ich war schon ein Stück gegangen, vor mir lag eine der vielen Brücken, die den Fluss überquerten und die zwei Teile der Stadt miteinander verband wie Fäden zwischen zwei Stoffstücken, die nie richtig angezogen worden waren. Ich näherte mich dem Brückengeländer und zog meine linke Hand aus der Tasche und liess sie über den rauen und gefrorenen Stein tasten. Während ich Fuss vor Fuss setzte, warf ich einen Blick auf die unregelmässig glatte und matte, schwarze Oberfläche des Wassers. Träge glitt der Fluss unter mir hindurch und das Licht des Mondes und der Stadt spiegelten sich verschwommen darin. Als ich wieder aufsah, erblickte ich ungefähr in der Mitte der Brücke eine dunkle Gestalt, die Arme auf das Geländer gestützt. Da es ausser den wenigen Autos keine andere Lebensform auf der Brücke gab, blieb mein Blick automatisch an ihr hängen. Die Gestalt hatte etwas Resigniertes an sich, etwas das ich nicht benennen konnte. Das gäbe ein schönes Foto, dachte ich noch, ehe mein Blick weiterschweifte und ich in die Scheinwerfer eines näherkommenden Autos sah. Ich verfolgte das Geräusch des Wagens mit den Augen und sah auch dessen Verhallen zu, den roten Rücklichtern, dem Spiegeln der Rückscheibe und der kaum erkennbaren Wolke Abgas, die in keinem Vergleich zu dem Dampf stand, der aus meinem eigenen Mund kam. Ich drehte mich wieder um und mein Herz machte einen nervösen Satz, ehe ich verstand, was denn genau los war.

Die Gestalt stand auf dem steinernen Geländer, mit hängenden Schultern, regungslos. Von alleine liefen meine Füsse los, ich überlegte nicht. Hätte ich es doch getan, hätte ich wohl den Mut nicht dazu gefunden irgendetwas zu tun. Ich brauchte nicht lange zu der Person hin.

„Warten Sie!“, rief ich und ich war mir einen Moment lang nicht sicher, ob ich wirklich gerufen hatte oder nur gedacht. Aber als ich hinter ihr stand, drehte die Person, es war eine junge Frau, etwa gleich alt wie ich, kaum merklich den Kopf in meine Richtung.

„Warten Sie!“, sagte ich noch einmal und die eisige Luft schnitt mir schmerzhaft bei jedem Atemholen in die Lunge, von der kurzen Strecke, die ich gelaufen war.

Die Augen der jungen Frau glitzerten kalt und verschwommen wie die Sterne am Winterhimmel, als sie so in die Weite starrte. Aufgelöster, langer Zopf, von Kälte oder Tränen leicht geschwollenes Gesicht, Mantel geöffnet, Schal lose und nachlässig um den Hals geschlungen, Hände zitternd ineinander verkrampft. Alle diese Eindrücke schossen mir durch den Kopf, hinterliessen Einschlagspuren in meinem Innern, während langsam die Panik meinen Brustkorb zuzuschnüren begann. Was tun?

Zögernd streckte ich eine Hand nach ihr aus, wagte es aber nicht, näher an sie heranzugehen.

„Kommen Sie zu mir“, forderte ich sie leise und tröstend auf, wollte möglichst viel Liebe in diese Worte legen. Lange kam keine Reaktion, nur ein Wind kam sanft auf und strich ihr durch die langen Haare, schien die Gestalt noch mehr in Richtung des Abgrunds zu ziehen. Dann bewegte sie sich endlich, drehte den Kopf ganz zu mir und sah mich an, durch mich hindurch oder wohin auch immer. Ich konnte es nicht sagen.

„Warum?“ Sie stellte die Frage noch leiser als ich, tonlos, apathisch. Panik erfasste mich wieder.

„Ich weiss nicht, was Ihnen passiert ist“, begann ich wahllos aber vorsichtig zu reden, „aber bitte kommen Sie zu mir herunter. Ich lade Sie gerne auf einen Tee ein, eine Pizza oder was auch immer Sie wollen, aber bitte…“ Meine Worte versiegten. Nach einer kurzen Weile des Schweigens senkte sie ihren Blick und sah in den Fluss unter uns.

„Warum sollten Sie das tun?“, murmelte sie. „Was hat das alles für einen Sinn? Es ist alles kaputt“, flüsterte sie weiter.

„Es geht doch gar nicht um einen Sinn“, setzte ich vorsichtig wieder an und versuchte beschwichtigend zu klingen. „Aber vielleicht kann ich Ihnen helfen mit was auch immer.“ Sie sah fast schon ruckartig hoch, den Blick immer noch in die Ferne gerichtet.

„Du?“ Schnell drehte sie den Kopf in meine Richtung und ich erschrak ob ihrer Reaktion und dieser direkten Anrede. „Warum solltest ausgerechnet du mir helfen?“, fragte die junge Frau weiter und ihr schönes Gesicht war auf einmal schmerzverzerrt und hasserfüllt. Ehe ich antworten konnte, sah sie wieder in die Ferne.

„Ich möchte Ihnen einfach helfen“, sagte ich noch einmal schwach. Ihre Reaktion hatte mich geschockt, ich hatte nur noch Angst, aber ob mehr vor ihr oder dass sie springen würde, das konnte ich nicht mehr sagen.

Ein seltsamer Laut kam plötzlich aus ihrem Mund und ich dachte, dass sie begann zu weinen. Behutsam machte ich einen Schritt auf sie zu, meine eigene Angst in den Hintergrund drängend. Sie weinte nicht; sie lachte.

„Du hast es immer noch nicht verstanden“, murmelte sie, den Blick wieder auf das Wasser unter sich gerichtet. Sie atmete gepresst aus.

„Nichts hast du verstanden!“, schrie sie plötzlich, drehte sich ganz um und sprang von dem Geländer, sodass sie kaum noch einen Schritt von mir entfernt stand. „Wie solltest du auch? Es geht immer nur um dich! Wie kannst du das überhaupt verstehen, du, du machst alles nur noch mehr kaputt. Keine Rücksicht auf mich, auf mein Leben! Nur du…“ Ihre Schreie brachen ab. „Nichts hast du verstanden!“, wiederholte sie. „Gar nichts!“, zischte sie nochmals atemlos und jedes Wort fühlte sich an wie eine Ohrfeige. Sie war wahnsinnig.

„Was…?“, stotterte ich und sah in ihre schönen Augen, ihre Augen, die mir irgendwie bekannt vorkamen. Ihr wutverzerrtes Gesicht näherte sich meinem.

„Ja, du kennst mich!“, flüsterte sie und eine weisse Wolke unterstrich die Kälte ihrer Worte.

„Wie…wie meinen Sie das?“, fragte ich verdattert und machte automatisch einen Schritt zurück. „Ich kenne Sie nicht, ich habe Sie noch nie gesehen…“

„Du bist schuld an allem…an allem!“, schrie sie nochmals und knickte dann plötzlich ein, als hätte man einer Marionette die Fäden durchgeschnitten. Sie landete auf ihren Knien und fing an zu weinen. Es sah aus, als wäre der wütende Teil in ihr zerbrochen und hätte nicht übriggelassen als einen kaputten Haufen voller Elend. Trotz der Angst, die immer noch an mir nagte, konnte ich nicht anders, als zu der jungen Frau hinzugehen und vorsichtig tröstend einen Arm um ihre Schulter zu legen. Sie stiess mich nicht weg, im Gegenteil, kraftlos liess sie sich gegen mich sinken.

„Du…du hast mich in…diese Lage gebracht“, schluchzte sie, „es gibt keinen anderen Ausweg, als…dass ich springe…“ Sie würgte, wischte sich mit einem Handrücken über die Augen und da war kein Hass mehr, nur noch eine bodenlose Hoffnungslosigkeit.

„Scht“, machte ich leise, „Ich werde versuchen Ihnen zu helfen“ Ihre Schluchzer verebbten langsam.

„Ja, das kannst du…aber wieso…wieso solltest du das tun? Wo doch jeder deiner Leser die richtige Bedeutung von Schmerz erfahren soll.“ Sie sah mich an, ihre Augen glitzerten.

„Was…?“, fragte ich entgeistert. „Was um Himmels Willen meinen S…?“

„Sieh mich doch einmal richtig an“, murmelte sie leise, hob ihre tränennasse Hand an mein Gesicht. „Wer bin ich? Beschreibe mich!“ Sie schloss sanft die Augen. „Na los, mach schon, hab keine Angst“, forderte sie mich beinahe zärtlich auf, beinahe mit dem Hauch eines Lächelns auf den Lippen.

„Sie…Was?“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich…“ Ich verstummte, holte tief Luft und begann nochmals, ich konnte einfach nicht anders: „Sie haben lange, braune Haare, schöne dunkle Augen…“ Einen schlanken Körper, schmale Hände und Sie mögen den Geruch von Herbstregen, beendete mein Kopf meinen Gedanken.

„Siehst du?“, flüsterte die Frau in meinen Armen und drängte sich etwas näher an die Wärme meines Körpers. „Ich bin dein und deswegen konnte ich nicht springen, solange du das willst werde ich nicht springen können, auch wenn ich es nicht mehr aushalte. Aber ich kann einfach nicht mehr.“ Sie öffnete die Augen wieder und sah mich an. Schockiert erwiderte ich ihren Blick, meine Augen tasteten über ihren weichen Hals, ihre weissen Zähne, die zwischen ihren leicht geöffneten Lippen zu sehen waren und ich musste das Unmögliche begreifen.

„Es tut…mir so leid!“, stammelte ich, „Ich wusste doch nicht, dass…“

„Doch, du wusstest es“, unterbrach sie mich und lächelte schmerzerfüllt. „Es war doch von Anfang an dein Plan.“ Ich schluckte schwer, ihre Augen zogen mich in ihren Bann. „Aber bitte lass mich jetzt einfach sterben, schmerzlos. Lass mich einfach verschwinden…“ Ihre Stimme verstummte. Wieder schluckte ich.

„Aber…aber, das geht nicht, ich wollte…“ Meine Stimme versagte auch, ich räusperte mich. „Ich will, dass du lebst, das wollte ich von Anfang an Dass du dein Glück nach allem findest.“

„Das geht nicht und du weisst es genau“, erwiderte sie sanft. „Es ist zu viel passiert. Die Wunden in meinem Inneren sind dieses Mal zu tief, es kann nicht mehr gut ausgehen.“

„Doch, das kann es!“, unterbrach ich sie. Ich hatte eine Entscheidung getroffen. „Komm mit, komm zu mir nach Hause!“ Ich versuchte aufzustehen und sie gleichzeitig hochzuziehen und legte einen Arm unter ihre Achseln, stützte sie so gut es ging. Ich war plötzlich fest entschlossen. Es durfte nicht sein!

 

Es dauerte viel zu lange, bis wir  zu Hause ankamen. Als ich die Tür aufschloss, wankte sie bedrohlich. Es musste am Blutverlust liegen, davon konnte sie sich noch nicht erholt haben. Als ich sie mehr ins Haus trug als stützte, wunderte ich mich, wieso sie nicht stärker auf ihren schmerzenden Körper reagierte. Die drei blauen Flecken und die gebrochene Rippe, auf die sie sich gerade stützte, mussten höllisch schmerzen.

Das Licht blendete sie, als ich sie auf mein Bett legte und sie vorsichtig auszuziehen begann. Mein Blick wanderte schuldbewusst über jeden Zentimeter Haut, der zum Vorschein kam. Ich hatte sie noch nie berührt und trotzdem war das alles mein Werk. Sie zitterte.

„Warte kurz!“, stiess ich bleich hervor und rannte aus dem Zimmer. Während ich im Bad nach Verband und Desinfektionsmittel suchte, wurde mir schlecht. Sofort liess ich alles fallen, stürzte zur Toilette und übergab mich. So schnell es ging, spülte ich meinen Mund aus, packte alles wieder zusammen und eilte zurück. Ich wollte schon ins Zimmer gehen, als ich abrupt stehen blieb. Das letzte Kapitel!, schoss es mir durch den Kopf. Es kann wirklich nicht anders weitergehen! Ich begann mit mir zu ringen, wollte ins Zimmer, konnte es nicht und dann rang ich mich schliesslich doch noch gegen meinen Schreibdrang durch.

Sie lag immer noch auf meinem Bett, in Unterwäsche und immer noch zitternd. Innerlich atmete ich erleichtert auf, ich hatte aus unbestimmten Gründen Angst gehabt, dass sie verschwunden wäre in der Zwischenzeit. Doch sie war da und sah mich an aus ihren Augen, die Augen waren mir immer das Wichtigste gewesen, dunkle Augen, die so speziell und warm leuchteten, strahlten, wenn sie lächelte. Ich hätte alles dafür gegeben, dieses Leuchten einmal an ihr zu sehen. Ich stürzte zu ihr hin, liess alles in meinen Armen auf das Bett fallen, wagte kaum sie anzufassen oder auch nur mit meinen Blicken zu berühren, meine Hände zitterten. Resigniert liess ich sie sinken.

„Es tut mir so leid!“, stiess ich hervor. Sie sah mich an, sagte aber nichts und schloss müde die Augen. Ich zwang meine Hände zu gehorchen, und griff nach dem Verband, begann endlich sie zu verarzten. Jeder Handgriff fühlte sich wie eine Wiedergutmachung an.

Atemlos sah ich sie an, als ich fertig war. Sie atmete flach, sie schien zu schlafen. Ich deckte sie zu. Vorsichtig stand ich vom Bett auf und liess mich daneben auf meinen Schreibtischstuhl niedersinken. Erschöpft starrte ich ins Leere. Was jetzt? Mein Blick fiel auf einmal auf die Uhr. Mitternacht war schon lange vorbei. Ich hatte alles falsch gemacht. Der Gedanke tat weh, gleichzeitig hatte sich noch nie etwas so wahr angefühlt.

Mit einem Mal hatte ich mich wieder gesammelt. Wut stieg in mir auf, Wut auf mich. Ich zerrte meinen Block hervor, riss die letzten Stunden meiner Arbeit ab und starrte die Seiten an. Alles für nichts. Als ich die erste Seite des Kapitels zu zerreissen begann, fühlte es sich an, als zerrisse ich ein Stück meiner Seele.

Verstört blickte ich zu Boden auf den Kadaver meines Werks. Manchmal ist Zerstörung besser als das Schaffen, dachte ich resigniert. Ich presste eine Hand gegen meine pochende Schläfe.

„Komm her!“, die sanfte Stimme liess mich zusammenzucken, aber ich gehorchte automatisch. Ich spürte ihren Blick auf mir. Ich legte mich neben sie auf die Decke. Wir schwiegen. Auf einmal legte sich ihre Hand auf mein Gesicht, zog es zu ihr herüber. Sie  hatte sich zur Seite gedreht und sah mich an.

„Ich werde einfach nie verstehen, warum du mich trotz allem liebst.“ Sie lächelte leicht und das war es, dieses Leuchten, nur ganz schwach zwar, aber da. Langsam näherte sich ihr Gesicht, sie küsste mich flüchtig auf den Mundwinkel und zog mich in ihre Arme. Ich sagte nichts, konnte nicht. Ich sog den Geruch ihres Körpers ein, ihren Geruch, und schloss die Augen. Trotz allem was sie durchmachen musste, war sie stärker als ich.

 

Die Sonne fiel auf mein Gesicht und weckte mich. Ich lag alleine auf meinem Bett, voll angezogen. Langsam setzte ich mich auf und sah mich um. Neben mir auf der Decke lagen vollgeschriebene, zerrissene Seiten. Verwirrte sah ich sie an, bis mir die Erinnerung wieder hoch kam. Ich biss mir auf die Lippe und schüttelte den Kopf. Nein, dachte ich nur und stand vom Bett auf. So schnell es ging, verliess ich das Zimmer. Ich sollte weniger lange schreiben, dachte ich noch.

 

Auf den zerrissenen Seiten lag ein kleiner Zettel, darauf stand: Danke!

 

Es war nicht meine Handschrift.

 

 

 

 

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Me Time – Diese Momente

On 3. Februar 2014, in 24 - Me Time by pepper

Der Lärm und die Stimmen erdrücken mich. Ich will mir die Ohren zuhalten, die Augen zupressen und in mich hineinsinken, hinein in ein weiches, dunkles, warmes Weiss. Hinein in eine Stille, eine weite Stille, eine offene Stille, ohne Wände oder Grenzen. Ich will mich wiederfinden an einem Ort, wo ich mich einfach ausstrecken kann, die Arme vom Körper abgespreizt und das Weiss umschliesst warm und sanft meinen Körper. Es ist kein nebliges Weiss. Man sieht weit, aber ausser dem Weiss gibt es nichts zu sehen. Kein Oben, kein Unten, kein Boden, kein Himmel, einfach Raum. Raum für mich. Raum für Gedanken und Fantasien. Ich wünsche mir, auf einer Wiese zu liegen und sofort spüre ich das zerdrückte Gras unter meinem Körper. Meine Finger streifen durch die glatten, rauen und kühlen Halme, noch nie hat sich Gras so lebendig angefühlt, so faserig. Es ist so grün, so ein Grün habe ich noch nie gesehen, so saftig und kraftvoll. Der Himmel über mir ist blau, so blau wie ein Blau nur sein kann, klar wie Wasser, so hoch und so tief. Ich stosse mich ab vom Gras, oben wird zu unten und ich schwimme hinein in den Himmel, ohne einen Widerstand zu fühlen. Das einzige, was da ist, ist grenzenlose Freiheit. Alles hier ist so leer und so voller Eindrücke. Ich schwimme hoch zu den Sternen, greife nach dem Mond. Ich lächle.

Ich schrecke hoch. Der Lärm ist plötzlich wieder da. Wahrscheinlich war er nie weg, aber jetzt nehme ich ihn wieder bewusst wahr. Langsam löse ich den Stift vom Papier und sehe mich um. Die gleichen Menschen, die gleichen Stimmen. Ich versuche weiter zu schreiben, aber es gelingt mir nicht mehr,  weg zu schweben, mich zu vergessen. Mich in mir zu vergessen. Oder eher mich in mir zu finden. Ich rede mit den Menschen um mich herum, ich bin wieder da, aber ich bin doch nicht wieder hier. Ich lege den Stift zur Seite, räume das Papier weg und schliesse damit die Tür zu meinem Selbst. Aber es gelingt mir nicht ganz. Ein Stück Himmel bleibt an meinen Gedanken kleben.

 

Cat – About an old man and the rain

On 25. Januar 2014, in 23 - Cat by pepper

Smile, or the sense of nonsense

It was a beautiful day. The sun was shining from a deep blue sky. I walked through the park when I suddenly saw an old man. The old man wasn’t very special but he held in his hand a frog-green umbrella.  It was opened. “Excuse me”, I asked curiously. “Why do you have an umbrella with you?” The old man smiled at me and said: “I think it will start to rain in an instant.” I looked around me. “But there isn’t one cloud on the sky”, I finally remarked. “Yes that’s true. But I have been living here for only three weeks and yesterday somebody told me that it sometimes can rain cats and dogs here. Do you know if there are clouds while it’s raining cats and dogs?” I reflected a moment, but I didn’t know it. We walked together in silence. Suddenly a squirrel jumped on the way. “It is starting”, the old man said gravely. I looked at him. “But I thought it will be raining cats and dogs”, I wondered and I added fast: “And this was a squirrel”, as he throw his look at me. He seemed not to be surprised. He answered calmly: “Yes I know, but maybe they didn’t have any cats or dogs left in the sky, so they took squirrels.” After a short reflection this argument seemed to be logical to me. The old man offered me to come under his umbrella and I accepted. I didn’t want to be hit by a squirrel. And not from another animal either. He smiled again at me and as I smiled back, he asked me: “Do you have an empty cookie box with you coincidentally?” Confused, I replied:  “No, I’m sorry. But why do you need an empty cookie box?” I accentuated the word “empty”. He said: “You know I’m collecting empty cookie boxes. But every time I buy a box, it’s already filled…And I don’t want to collect filled boxes!” I didn’t ask him why he didn’t eat the cookies in the boxes. The whole conversation seemed to become very strange. I bid fast a farewell to the old man. He didn’t say anything as I left him, but he continued smiling.

I nearly arrived home when it suddenly started to rain. But it didn’t rain cats and dogs nor squirrels. It just rained water.

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Anomaly – Was die Realität ausmacht

On 19. Januar 2014, in 21 - Anomaly by pepper

Fiktion

Schon vor einer Weile war mir aufgefallen, dass er allen auswich, insbesondere aber mir. Ich wusste nicht genau, was der Grund war, was er sein konnte, aber es zerbrach mir jedes Mal das Herz. Ich kannte ihn schon seit Ewigkeiten, lange war er mein bester Freund gewesen. Aber jetzt hatte sich etwas zwischen uns verändert, auch wenn ich mir nicht sicher war, ob er bemerkt hatte, was es für mich war. Oder vielleicht hatte er ja gemerkt, dass ich mich in ihn verliebt hatte und wich mir deshalb aus. Hatte ich alles kaputt gemacht?

Ich stand vor seiner Wohnung, überlegte mir schon seit einem viel zu langen Moment, ob ich wirklich klingeln und mit ihm reden sollte. Quälend langsam hob ich meine Hand, zögerte noch einmal einen Augenblick und zwang mich dann dazu, den Knopf zu drücken. Glatt fühlte sich der Plastik an, temperaturlos. Dann hatte ich meine Hand auch schon wieder zurückgezogen und stand zweifelnd da. Die Sekunden verstrichen zähflüssig. Die Tür ging geräuschvoll auf und er stand vor mir, kaum einen Meter von mir entfernt. Ich konnte erst nichts sagen, sah nur seine stahlblauen Augen aufleuchten. Sein Blick jagte mir einen Schauder über den Rücken und ich sah schnell zu Boden, um mir nicht ansehen zu lassen, dass ich rot geworden war. Er runzelte die Stirn und bat mich dann ohne weiter nachzufragen herein. Dankbar, nichts sagen zu müssen trat ich ein und stand dann etwas planlos vor ihm in seiner kleinen Küche. Als er hinter mir die Küche betrat und sich gegen den Kühlschrank lehnte, fiel mir auf, dass er blass war. „Geht es dir gut?“, fragte ich ihn. Er nickte nur leicht, aber er hätte genau so gut nein sagen können. Ich nickte auch leicht, unsicher, was ich hätte sagen können. Seine Augen waren so traurig, alles an ihm wirkte so zerbrechlich in dem Moment. Seine ganze Haltung schrie nach Resignation. Aber Resignation vor was? Das Atmen fiel mir plötzlich schwer, ich hatte das Gefühl, das er mir wie Rauch aus den Fingern glitt, einfach so verschwand und mich für immer alleine liess. Das war nicht mein bester Freund, den ich schon so lange kannte, sondern nur noch ein verblasstes Spiegelbild von ihm. Eine Weile schwiegen wir uns an und die Stille dröhnte in meinen Ohren. Dann sah er mich endlich an und sein Blick liessen meine Knie weich werden. „Was willst du?“, fragte er nur und seine Stimme schien eine eisige Spur durch den ganzen Raum bis zu mir hin zu ziehen. Ich zitterte leicht. „Ich wollte nur nach dir sehn…“, murmelte ich leise. „Aha.“ Mehr kam nicht von ihm zurück. Sein Blick schweifte ab und meiner fiel auf seine schlanken, sehnigen Hände. Sie zitterten leicht. „Ich wollte dich eigentlich fragen…“ Ich verstummte. Meine Worte verwandelten sich in meinem Mund plötzlich zu einer zähflüssigen Masse. Ich schluckte und sah zu Boden. Plötzlich spürte ich wieder seinen Blick auf mir und ein Schauer lief mir über den Rücken.  Ich sah auf und seine Augen nahmen mich gefangen. Den Mund halb offen, überlegte ich mir, was ich ihm sagen wollte, sagen sollte. Aber ich brachte kein Wort über die Lippen. „Ja…?“, hackte er nach, seine Aufmerksamkeit war jetzt ganz auf mich gerichtet und brachte mein Herz zum Flattern. Ich machte einen Schritt auf ihn zu und stand nun ganz nahe bei ihm. Ich wagte es nicht mehr, ihm in die Augen zu sehen, aus Angst, dabei zu viel von mir preiszugeben. Dabei wollte ich das ja. Sein Blick bohrte sich immer tiefer in mich, ich konnte es spüren. Ich öffnete den Mund und sah endlich hoch, hinein in seine erwartungsvollen Augen. Aber ich konnte es nicht erklären. „Sorry, ich muss gehen…“, flüsterte ich heiser und eilte blindlings neben ihm durch. Ich hörte ihn meinen Namen leise rufen, da riss ich schon die Tür auf und stand auf dem Gang. Meine Schritte hämmerten im selben Rhythmus wie mein Herzschlag als ich die Treppe herunter hastete. Ich wollte die Tür aufreissen und endlich an die frische Luft, da packte mich plötzlich jemand am Handgelenk, zog mich zurück und drückte die Tür vor mir zu. Perplex stand ich vor ihm, er war ganz ausser Atem und auch ich atmete ein paar Mal tief ein, um wieder richtig Luft zu bekommen. Einen Moment lang standen wir uns schweigend gegenüber. Seine Hand umfasste noch immer mein Handgelenk und ein warmes Prickeln durchfuhr meinen ganzen Arm. Dann atmete er noch einmal tief durch und begann hastig zu reden. Erst verstand ich nicht viel mehr, als dass er sich offensichtlich bei mir entschuldigen wollte, dafür, dass er sich vor mir zurückgezogen hatte und mir auswich. Doch als er dann zu stammeln anfing und meinem Blick nach und nach immer mehr auswich, war ich mir plötzlich sicher, was los war. Ein Lächeln überzog mein Gesicht und Freude durchzog meinen ganzen Körper. „Lachst du mich etwa aus? Ich versuche gerade, dir etwas Wichtiges zu sagen und du…“ Weiter kam er nicht, denn ich schlang schnell meine Arme um seinen Hals und zog mich zu ihm hoch. „Ach sei doch ruhig Dummkopf!“, flüsterte ich Grinsend. Meine Zweifel waren plötzlich alle verschwunden, ich wusste jetzt, dass wir beide einem riesigen Irrtum unterlegen hatten. Seine Lippen erreichten meine, ehe ich seine erreicht hatte und als er mich stürmisch küsste, schien die Welt um mich herum zu explodieren.

 

Realität

Schon seit einer Weile wich ich ihm aus. Ich kannte ihn schon eine Ewigkeit und wahrscheinlich war es einfach nur Logik, dass ich mich in ihn verliebt hatte. Er schien bis jetzt noch nicht gemerkt zu haben, dass sich etwas zwischen uns verändert hatte, zumindest hatte er noch nichts gesagt oder sich anders verhalten. Und ich versuchte dasselbe auch zu tun, auch wenn es mir schwerfiel. Aber irgendwie konnte ich einfach nicht mehr. Das Schweigen lastete auf mir wie ein Fluch. Selbstmitleid nagelte mich zu Boden. Ich musste mit ihm reden. Würde ich damit alles kaputt machen?

Ich stand vor seiner Wohnung, überlegte mir schon seit einem viel zu langen Augenblick, ob ich wirklich klingeln und mit ihm reden sollte. Mit jedem Moment, der verstrich, wurde mein Instinkt, einfach wegzurennen und es dabei bleiben zu lassen, grösser. Aber dieses Mal wollte ich meine Angst niederkämpfen, ich musste es einfach tun. Quälend langsam hob ich meine Hand, zögerte noch einmal einen Augenblick und zwang mich dann dazu, den Knopf  zu drücken. Glatt fühlte sich der Plastik an, temperaturlos. Dann hatte ich meine Hand auch schon wieder zurückgezogen und stand zweifelnd da. Die Sekunden verstrichen zähflüssig. Ich drehte mich um und wollte so schnell es ging wegrennen, aber da öffnete sich die Tür geräuschvoll. Er stand vor mir, kaum einen Meter von mir entfernt. Er sah mich an und ich hätte eigentlich wegsehen sollen, aber ausser geradeaus starren, bekam ich nichts hin. Er runzelte die Stirn. „Was machst du den hier?“, fragte er. „Ehm…“ Ich hatte die Antwort auf die Frage schon lange geübt, aber jetzt brachte ich sie natürlich nicht zustande. „Wollte nur was holen…“ Meine Worte verloren sich im Nirgendwo. Er sah mich immer noch an und ich wünschte mir, dass ich auch nur einen Moment lang in seinen Augen hätte lesen können. Wahrscheinlich war er genervt. Aber was wusste ich schon. Als keine Antwort mehr von mir kam, seufzte er nur und hielt mir die Tür auf. Ich huschte hinter ihm in den Gang und zog die Schuhe mühselig aus, bevor ich ihm in die Küche folgte. Er sass am Küchentisch und sah mich schon wieder erwartungsvoll an. Unbehaglich lehnte ich mich gegen den Kühlschrank und starrte zu Boden, Worte suchend. „Was willst du?“, fragte er und seine Stimme hörte sich abweisend an. Das Atmen fiel mir plötzlich schwer. Ich wünschte mir, ich könnte einfach so auf Kommando in Ohnmacht fallen, aber natürlich passierte nichts. Nicht mal bleich war ich, obwohl ich mir wünschte, man würde mir ansehen, dass ich mit mir kämpfte, dass das Selbstmitleid mich zerfrass. Ich sah zu Boden suchte nach Worten und fand keine. Sein Blick schien auf mir zu lasten und ich sah lächelnd auf, aber ich hatte es mir nur eingebildet, denn er schaute auf seine linke Hand, mit der er ungeduldig auf den Tisch klopfte. „Na was ist denn jetzt? Was wolltest du holen?“ Er zog eine Augenbraue hoch und sah mich doch an. Diesen Ausdruck konnte sogar ich deuten. Er war spöttisch. „Eh naja…“ Ich sah mich um und mein Blick fiel auf eine Packung Salz auf dem Tisch. „Salz?“, sagte ich. Er sah mich kritisch an und dann auf die Uhr. Wieso sollte ich an einem Wochentag anstatt einkaufen zu gehen bei ihm Salz ausleihen. Ich hätte mich Ohrfeigen können. Er drückte mir nur das Salz in die Hand. „Sonst noch was?“ Ich schüttelte den Kopf. Ich wollte einfach nur noch weg. Er folgte mir zum Gang und sah mir zu, wie ich fast fünf Minuten brauchte, um meine Schuhe wieder anzuziehen. Scheisse!  Eine Art Übelkeit erfasste mich, als ich mich endlich wieder aufrichtete und vor ihm stand. Er hielt mir die Tür auf. „Tschüss“, sagte er und machte keine Anstalten, mich wie sonst zu umarmen. Ich wiegte einen Moment auf den Fussballen hin und her, konnte mich aber beim besten Willen nicht überwinden, ihn meinerseits in die Arme zu schliessen. Nach einem viel zu langen Moment murmelte ich auch: „Tschüss.“ Und ging endlich hinaus. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss und ich wagte es nicht, mich noch einmal umzudrehen. Ich hatte Lust, das Salz gegen die Wand zu schmettern, aber das hätte ich wahrscheinlich erklären müssen später. Den Besuch musste ich zwar auch irgendwann erklären, aber was sollte es?

Scheisse.

 

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Abuse – Die Entstehung

On 20. Dezember 2013, in 13 - Abuse by pepper

Sie rannte, so schnell sie ihre kurzen Beine zu tragen vermochten. Panisch sah sie sich um, wo konnte sie sich verstecken? Er würde sie finden! Trotzdem riss sie den nächstbesten Schrank auf und kroch zwischen Hosen und Socken hinein. So tief sie konnte zog sie sich zurück. Es war nicht tief. Hinter sich zog sie die Schranktür zu, ob sie den Schrank überhaupt wieder öffnen konnte, war ihr im Moment egal. Sie kauerte sich im hintersten Winkel zusammen, presste sich gegen die Wand, als würde es ihr etwas nützen.. Eine wütende Stimme rief ihren Namen. Sie zuckte zusammen und drückte sich noch kleiner zusammen. Ihr ganzer Körper zitterte, ihre Kinderhände verkrampften sich zu fäusten. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ins Dunkel, dann presste sie sie schnell zusammen. Vielleicht würde er sie diesmal nicht finden. Innerlich begann sie beruhigend zu summen. Die Zimmertür wurde aufgerissen. Eine Stimme flüsterte ihr leise zu, dass alles in Ordnung wäre. Schritte kamen näher. Es ist alles gut. Du bist nicht alleine. Ihr Atem beruhigte sich, ihr Körper hört auf zu zittern. In diesem Moment wurde laut krachend die Schranktüre aufgerissen, grelles Licht blendete sie. Sie weinte nicht, als eine Hand sich um ihren Oberarm legte wie ein Schraubstock und sie aus dem Schrank zerrte. Hosen klatschten in ihr Gesicht, sie bemerkte es kaum. Sie wusste, was jetzt kommen würde, aber dieses Mal hatte sie keine Angst. Sie schloss die Augen und auf einmal wurde es still um sie herum. Vorsichtig öffnete sie sie wieder und schaute staunend umher. Sie war in einem hellen Raum, ein Mädchen sass neben ihr und hielt sie sanft und schützend in den Armen. Jetzt brauchte sie keine Angst mehr zu haben. Sie war in Sicherheit.

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Candy – Süssigkeit

On 7. Dezember 2013, in 18 - Candy by pepper

Der Tag hatte schon seltsam begonnen bevor ich überhaupt aufgestanden war. Ich weiss nicht mehr genau, was ich geträumt hatte, aber auf jeden Fall war der Traum sehr lange und kalt und es kamen darin vermummte Gestalten und Schnee vor. Als ich mich endlich aus diesem anstrengenden Traum befreit hatte und mich zum Aufwachen durchringen konnte, konnte ich einen Moment lang an nichts anderes denken, als dass ich einfach nur eiskalt hatte. Zitternd wälzte ich mich im Bett herum und versuchte mich fester in meine Bettdecke zu kuscheln. Aber alles nützte nichts. Meine Augen fühlten sich an wie zugefroren als ich sie öffnete und meine Gelenke schienen zu knirschen als ich mühsam aufstand. Ich spürte meine Füsse kaum, als ich unbeholfen zur Heizung tapste und sie voll aufdrehte. Danach zog ich mir so viel über, wie gerade noch bequem war und ging in die Küche, um mir eine Tasse Tee zu machen. Während das Wasser zu kochen begann, liess ich mir noch heisses Wasser in ein Becken und nahm es zurück in die Küche. Ich füllte mir den Tee in eine Tasse und setzte mich hin. Mit steifen Fingern zog ich meine drei Schichten Socken wieder aus und stellte meine Füsse in das Becken mit dem heissen Wasser. Einen Moment lang spürte ich gar nichts. Dann spürte ich endlich ein leichtes Kribbeln in meinen Zehen. Und dann schoss ein plötzlicher, heisser Schmerz von meinen Füssen aus durch den ganzen Körper, als hätte man mich in einen Kessel mit flüssiger Lava geworfen. Mir wurde schwarz vor den Augen. Als ich wieder klar denken konnte, lag ich neben dem Stuhl am Boden. Mein Körper schmerzte noch leise, aber er fühlte sich nicht mehr so taub an. Ich war schweissüberströmt, sogar meine Haare waren feucht. Aufstehen konnte ich normal, aber ich fühlte mich schwach. Langsam setzte ich mich zurück auf den Stuhl. Ich wartete darauf, dass das Zittern meines Körpers wieder aufhörte und so blieb ich eine unendliche Weile auf dem Stuhl sitzen ohne mich zu bewegen. Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Dann stand ich mit weichen Knien auf und beugte mich über das Wasserbecken. War das Wasser so heiss gewesen? Vorsichtig streckte ich meinen Finger ins Becken, bereit ihn jederzeit schnell zurück zu ziehen. Aber das Wasser war eiskalt. Verwirrt sah ich das Wasser an und traute meinen Augen kaum, als ich bemerkte, dass eine dünne Schicht Eis auf dem Wasser schwamm. Wieder breitete sich Kühle in mir aus, hinter meinen Schläfen begann es schmerzhaft zu pochen. Ich nahm das Becken und taumelte damit zur Spüle, um es auszuleeren. Ich fühlte mich plötzlich genauso wie das tropfende Becken, schwach und leer und ich merkte langsam, dass ich kurz vor dem Zusammenbruch stand. Mein Magen begann zu rebellieren, mir war gleichzeitig schlecht und ich hatte riesigen Hunger. Ich überlegte einen Moment, entschied ich mich für eine Pizza und stand auf, um eine aus dem Tiefkühler zu holen. Kurz darauf setzte ich mich mit steifen Gelenken an den Küchentisch, vor mir die nicht mehr ganz heisse Pizza. Nach dem Schreck von vorhin hatte ich keine Lust nochmals mit grosser Hitze in Berührung zu kommen. Mein Magen verkrampfte sich, als sich der Geruch des Essens ausbreitete. Gierig griff ich nach dem ersten Stück und schlang es hinunter. Mit jedem Bissen wurde ich etwas langsamer, etwas fühlte sich immer seltsamer an. Wieder spürte ich es am Anfang kaum. Die Pizza war nicht versalzen. Trotzdem, begann mein Magen plötzlich zu rebellieren, wie Säure stieg ein Brennen langsam aus meinem Bauch hoch, verätzte meine Kehle, meinen Mund. Voller Panik rannte ich ins Bad, fühlte kaum wie meine Beine unter mir nachgaben als ich mich über die Kloschüssel beugte und mich übergab. Es dauerte lange bis das Würgen nicht mehr wellenartig meinen ganzen Körper durchlief. Ich hing zitternd über der Schüssel, immer noch brannte mein Mund wie Eis, aber schon schien ich alles ausser dem Brennen wieder zu beruhigen. Meine Muskeln gehorchten einwandfrei, als ich zum Waschbecken ging und meinen Mund mit kaltem Wasser ausspülte. Erschöpft schlurfte ich in das Wohnzimmer und liess mich auf das Sofa fallen. Ich überlegte mir, was ich machen sollte. Heute war alles so falsch. Mein Magen schmerzte, ich hatte immer noch Hunger. Ich beschloss einkaufen zu gehen, viel hatte ich sowieso nicht mehr und vielleicht fand ich etwas, auf das ich auch heute nicht ganz so empfindlich reagierte. Ausserdem würde mir die Bewegung gut tun.

Als ich die Tür öffnete, sah ich, dass es begonnen hatte zu schneien. Grosse weisse Flocken schwebten federleicht und weich zu Boden und bedeckten ihn stellenweise schon. Ein relativ starker Wind strich durch meine Haare und ich hatte auf einmal das Bedürfnis mich genüsslich zu strecken. Auf einmal fühlte ich mich so lebendig wie schon lange nicht mehr. Ich sah mich kurz um und stolperte dann beinahe über einen kleinen Gegenstand, der auf meiner Fussmatte stand. Verwundert bückte ich mich mit steifem Rücken und hob ein gläsernes Kästchen hoch. Kaum grösser als meine Handfläche lag es in meiner Hand, die glatte Oberfläche schmiegte sich an meine Haut. Bläulich schimmerte es und liess verschwommen etwas Helles durchschimmern. Neugierig öffnete ich es und schaute verwirrt auf ein fast weisses Stückchen Nougat, das den kleinen Hohlraum fast ausfüllte. Ich sah mich um, aber es war niemand zu sehen, der sich seltsam benahm. Vorsichtig nahm ich die kleine Süssigkeit aus dem Behältnis. Sie fühlte sich beinahe warm unter meinen Fingerspitzen an. Ohne gross zu überlegen, steckte ich sie mir in den Mund. Noch nie hatte ich etwas so zartschmelzendes und angenehmes gekostet. Wie Sahne zerfloss es auf meiner Zunge, eine leichte Süsse machte sich in mir breit. Ich schloss die Augen und sah vor mir nichts als weisse Weite, ich fühlte mich wie im Himmel. Dann liess das Gefühl nach. Mit einem Lächeln auf den Lippen kehrte ich in das hier und jetzt zurück und während mein Lächeln verblasste bemerkte ich gleichzeitig zwei Dinge. Das Kästchen in meiner Hand war kein Glas, es war Eis. Das war mir vorher aber nicht aufgefallen, weil es keine Anstalten gemacht hatte in meiner Hand zu schmelzen. Trotzdem war ich mir sicher, dass es Eis war. Und das zweite was mir jetzt auffiel war, dass die Schneeflocken auf meiner Haut nicht schmolzen. Ich wischte mir kurz mit der Hand über das Gesicht, es hatte sich schon eine kleine Schicht Schnee angesetzt. In Gedanken versunken ging ich die Strasse hinunter, nicht in Richtung des Dorfes, sondern in Richtung des Sees etwas abseits der Häuser. Die Dichte des Schneefalls nahm etwas zu, man sah nur noch einige Meter weit. Links und rechts von mir waren nur noch nackte Bäume und Sträucher. Meine Gelenke fühlten sich nach jedem Schritt schwerfälliger an, das Gehen fiel mir schwer. Ich hatte viel zu heiss. Meine Jacke und mein Schal fühlten sich an wie eine grosse Behinderung, also zog ich sie aus und hängte sie über einen Ast. Ich erreichte den See und setzte mich knirschend auf eine Bank am zugefrorenen Ufer. Auf dem schmalen Strand standen einige Eisskulpturen. Ich sah plötzlich etwas verschwommen, als würde ich durch eine dicke Glasscheibe hindurch sehen. Ich fuhr mit meiner Hand durch die Haare. Leise klimpernd strich ich mir eine Strähne aus dem Gesicht. Als ich meine Hand danach ansah war ich kaum erstaunt. Durch sie hindurch sah ich das gefrorene Schilf schimmern. Es kostete mich grosse Kraft meine Finger zu krümmen und wieder zu strecken, doch ausser einem seltsamen Knirschen war nichts anders als sonst. Vielleicht begann sich die Welt um mich herum mit einem Male schneller zu drehen, vielleicht wurde ich auch in meiner Gesamtheit einfach langsamer. Die Schneeflocken rieselten flink auf mich herab, eine Ente schoss mit übernatürlicher Geschwindigkeit aus dem kahlen Gestrüpp. Ich zog mich langsam aus, bis ich nur noch in einem Shirt und Unterwäsche dastand. Wie farbige Blumen lag meine Kleidung auf dem Boden, deplatziert inmitten von Grau, Braun, Schwarz und Weiss. Ich hatte keine Schmerzen, ich spürte keine Kälte oder Wärme. Der Wind strich um mich herum und zum ersten Mal fühlte ich einfach nur ihn, das wahre Wesen des Windes, ein Streicheln um meinen glatten Körper herum. Ich ging einige Schritte. Jeder Fusstritt fühlte sich hart an, es knackste und ich konnte nicht unterscheiden zwischen den toten Ästen auf dem Boden und meinen Muskeln. Durch das Eis meiner Oberschenkel hindurch sah ich wie die letzten roten Adern verblassten, einfach so ihre Farbe verloren. Ich hob mit grosser Anstrengung die linke Hand vor das linke Auge und das einzige, was sich veränderte, war, dass die Landschaft noch ein wenig unschärfer wurde. Die letzten roten Linien in meinem Körper verblassten. Ich setzte den Fuss meines letzten Schrittes am Boden auf. Dann erstarrte mein Körper ganz.

 

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